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   de.rec.fahrrad      More than just Kraftwerks Tour De France      6,175 messages   

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   Message 5,250 of 6,175   
   Wolfgang Strobl to All   
   Re: Biobike (3/3)   
   14 Nov 25 20:50:24   
   
   [continued from previous message]   
      
   >Trifft denn überhaupt der Befund zu, dass in der Ebene mehr   
   >Radinfrastruktur gebaut wird als in den bergigen Regionen? Wenn ich z.B.   
   >hier herum-zoome, finde ich nicht, dass im Norden viel mehr Radwege sind.   
      
   Nein, ich behaupte, dass Radinfrastruktur (ein Euphemismus für   
   überwiegend benutzungspflichtige Radwege) überall dort, wo die zu   
   bewältigenden Distanzen und Höhenmeter größer sind als in   
   kleinen, flachen Küstenländern (oder in analogen flachen   
   Verkehrsbiotopen), nicht dem Nutzen derjenigen dienen, die da   
   schon Fahrrad fahren, aber nicht dazu führen, dass dort noch mehr   
   gefahren wird, also noch längere Distanzen und noch mehr   
   Höhenmeter.   
      
   ANsonsten habe ich mich dazu überhaupt nicht geäußert.   
   "Radinfrastruktur" ist zunächst ein politischer Kampfbegriff   
   derjenigen, die Radfahren ohne solche Infrastruktur für   
   unnmöglich, unzumutbar und/oder lebensgefährlich halten und das   
   ist unabhängig davon, wie viel oder wie wenig davon gebaut wird.   
   Neben aller Kritik daran, wie konkrete "Radinfrastruktur"   
   funktionieren soll (und es nicht tut), ist auch zu beobachten,   
   dass Radwege nicht entstehen, weil irgendwo konkreter Bedarf   
   vorhanden ist (wie will man das eigentlich wissen, durch   
   Umfragen? Ernsthaft?), sondern z.B: weil sich irgend ein Dorf-   
   oder Stadtbürgermeister ein Denkmal setzen will.  Oder weil man   
   öffentliche Gelder in die Finger bekommen will, an die man   
   anderweitig nicht herankommt.   
      
      
   [...]   
      
      
   >Hm. Ich fasse mal zusammen, was ich hier verstehe: Du meinst, man kann   
   >in Deutschland das Beispiel der niederländischen Radinfrastruktur nicht   
   >übernehmen, weil Deutschland weniger dicht besiedelt und vor allem viel   
   >bergiger ist.   
      
   Es spricht noch viel mehr gegen Separierung durch Verdrängung auf   
   Radwege, aber ja, das Argument hier ist dieses, wobei "bergiger"   
   nicht nur auf die Höhenmeter abstellt, sondern auch darauf, dass   
   die Geländestrukturen andere sind.  Eine Ebene hat i.w. kaum eine   
   Geländestruktur, von Wälder mal abgesehen, die jedoch dort, wo   
   Verkehrsinfrastruktur oder Bebauung ist, dieser durch Abholzung   
   weitgehend weichen mussten.   
      
      
   >Dieses Argument wird aber dadurch geschwächt, dass   
   >Deutschland tatsächlich in nennenswerten Teilen nicht so sehr hügelig   
   >ist. (Darüber scheinen wir zu diskutieren.)   
      
   Nein.  Dies ist rein subjektiv. Nicht subjektiv ist, dass   
   diejenigen, die per Infrastruktur zum Radfahren getragen werden   
   sollen, Anstiege, welche ich (und vielleicht auch Du und   
   jedenfalls viele andere) für durchaus bewältigbar halten, schon   
   viel geringfügigere Anstiege und Distanzen für unzumutbar   
   anstrengend halten. Aus Sicht der einzelnen Person oder auf die   
   Person mag das subjektiv sein, als Verhaltens einer Gruppe ist es   
   ein Sachverhalt, den man beobachten kann. Oder auf andere Weise   
   herleiten, wenn ich an die Diskussionen über Pedelec und ihre   
   Verkaufszahlen denke.   
      
      
   >   
   >Es klingt aber auch sehr an, daß in einem angenommenen topfebenen und   
   >dichter besiedelten Deutschland Du trotzdem kein Fan einer   
   >Radifrastruktur nach niederländischem Vorbild wärest.   
      
   Das klingt vordergründig plausibel, ist aber irreführend   
   formuliert. Unterschiedliche Strukturen können zu   
   unterschiedlichen Argumenten gegen ein grundsätzlich verfehltes   
   Konzept führen.   
      
   Aber warum sollte ich mir ausgereichnet über eine fiktive und   
   irreale Situation wie diese Gedanken machen?  Ein alter Spruch   
   lautet "Ex falso quodlibet", aus unzutreffenden Annahmen kann man   
   jeglichen Unsinn folgern.  Deutschland ist nicht topfeben, es ist   
   nicht noch dichter besiedelt und es ist auch kein vergleichsweise   
   schmaler Küstenstreifen.  Es wird ja gerade angezweifelt, dass   
   Konzepte, die in solchen Biotopen angeblich funktionieren (aus   
   meiner Sicht tun sie es gar nicht), auf eine Struktur übertragbar   
   wären, wie sie Deutschland und andere europäische Länder haben.   
      
   M.a.W. das Argument ist eine Luftnummer.   
      
   Man braucht übrigens kein Gegner der holländischen Monsterkreisel   
   und entsprechender Radweganlagen zu sein, um die Übertragbarkeit   
   dieser Konzepte in geografisch völlig anders strukturierte   
   Regionen anzuzweifeln.  Es ist einfach nur ein weiterer Einwand   
   gegen ein grundsätzlich verfehltes Konzept, welcher an weniger   
   Voraussetzungen geknüpft ist.   
      
      
   > Sehe ich das   
   >richtig? (Ich wäre es jedenfalls nicht.)   
      
   Dann sind wir hier ja einer Meinung.  Das Argument richtet sich   
   insofern dann auch nicht an Dich.   
      
      
   >   
   >Das heißt doch aber, es gibt noch andere und vielleicht validere Gründe   
   >gegen die Radinfrastruktur als die unterschiedliche Topologie etc. Ich   
   >würde meinen, diese *richtigen* *Gründe* sollte man in erster Linie nennen.   
      
   Diese validen Gründe entwerten einen weiteren Einwand doch gar   
   nicht.   Wenn Du jemandem erklären möchtest, dass ein angebliches   
   Medikament nicht einfach dadurch wirksam wird, dass man es immer   
   weiter und weiter verdünnt, dann hilft vieleicht der Einwand,   
   dass die Lösung nach so und sovielen Iterationen warhscheinlich   
   kein einziges Molekül mehr enthält, einen Zweifel zu wecken und   
   die Frage aufzuwerfen, worin eigentlich der Wirkmechanismus   
   bestehen soll.  M.a.W. manchmal ist das aus Deiner Sicht weniger   
   valide Argument das bessere, etwa weil es zu besseren, aber   
   schwer zu vermittelnden Einsichten führt.   
      
   Abgesehen davon: was ist eigentlich weniger richtig oder weniger   
   valide an dem Einwand, dass ein Konzept für die Tonne ist, das   
   nur in handverlesenen Biotopen funktioniert?  Ein Impfstoff, der   
   nur bei Personen mit Blutgruppe A+ wirksam ist, bei Unwirksamkeit   
   aber zu permanenten Haarausfall führt, für unspezifische   
   Massenimpfungen gegen eine gefährliche Erkrankung einzusetzen,   
   würde wohl zu einem begründeten Aufschrei in der Bevölkerung   
   führen.   
      
      
      
   *)   
   738 Kilometer von Amsterdam bis Straßburg, 636 Höhenmeter   
   kumulativ   
      
      
      
      
   --   
   Wir danken für die Beachtung aller Sicherheitsbestimmungen   
      
   --- SoupGate-Win32 v1.05   
    * Origin: you cannot sedate... all the things you hate (1:229/2)   

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