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   de.rec.fahrrad      More than just Kraftwerks Tour De France      6,175 messages   

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   Message 5,531 of 6,175   
   Wolfgang Strobl to All   
   Re: "dieser Radweg wird kein leichter se   
   12 Dec 25 13:09:49   
   
   From: news51@mystrobl.de   
      
   Am Wed, 10 Dec 2025 10:35:59 +0100 schrieb Udo Steinbach   
   :   
      
   >Am 2025-12-05 um 11:14 schrieb Wolfgang Strobl:   
   >> Eine interessante Frage wäre, warum Schonräume als ungefährlich empfunden   
   >> werden.   
   >   
   >Weil der Mensch allenfalls dann mal denkt, wenn es grad nicht rund läuft.   
   >Neurologen kennen das als System 1 und System 2, Evolution.   
      
   [...]   
   Ich bezweifle, dass sich einzelne Bruchstücke aus einem immer   
   noch andauernden Disput im Bereich der Cognitive Sciences eignen,   
   konkrete Schlüsse in Bezug auf Verkehrspolitik zu ziehen. Auch   
   wenn Ähnliches gerade Mode sowohl bei den Ökonomen als auch im   
   Bereich der im Moment auf Large Language Model fixierten Forscher   
   und Anbieter monströser Dienstleistungen ist, die neben einigen   
   durchaus interessanten Hilfsmitteln in Massen sog. AI-Slop   
   produzieren, bezweifle ich, dass dies irgendwo hinführt.   
      
   Dass sich Interpretationen von Erfahrungen als schnell   
   verfügbares, aber nicht bewußt kontrolliertes Wissen   
   manifestieren, ist mit diversen bewertenden Färbungen längst   
   bekannt, vom Vorurteil bis hin zur Intuition.   
      
   Unstrittig ist m.E., dass solch verfestigte Interpretationen von   
   Erfahrungen als "Erfahrung" unbewusst angewandt genau so gut   
   richtig wie falsch sein können, aus variierenden Gründen.   
   Letztlich sind es schlichte Assoziationen variierende Güte, nicht   
   im Einzelfall durch bewusstes Denken modellhaft vor der   
   eigentlichen Handlung durchgespielte Abläufe.   
      
   >   
   >Die angeblichen Schonräume werden nicht als ungefährlich empfunden.   
      
   Das deckt sich nicht mit beobachtbarem Verhalten von Leuten, die   
   Geh- oder Radwege benutzen statt der Fahrbahn.  Sie fahren dort   
   oft mit Geschwindigkeiten und unaufmerksam in einer Weise, die   
   kompetente Radfahrende als riskant empfinden _und_ in Einzelfall   
   auch erklären können, warum es riskant ist.   
      
   Dies illustriert vielleicht auch, warum es in Gesprächen mit   
   Radwegfreunden oft zu Mißverständnissen kommt, wenn man seine   
   Präferenz für die Fahrbahn auch damit erklärt, dass es sowohl   
   schneller als auch sicherer sei.  "Wieso? Ich kann da am Stau   
   vorbeifahren und komme viel schneller voran!".   
      
   Das Argument hört man sowohl in Bezug auf mit unübersichtlichen   
   Einfahrten und Kreuzungen gespickten straßenbegleitenden Radwegen   
   als auch in Bezug auf Abkürzungen oder Umwege über Spazier-,   
   Feld-, Wald- oder Landwirtschaftswege, befestigte wie   
   unbefestigte.  Freilich kommt man dort fallweise und wenn es auf   
   regulären Straßen staut, oft schneller voran. Dies aber auch und   
   manchmal nur dann, weil man dort schneller fährt, als man fahren   
   dürfte, wenn man das Risiko tatsächlich auf das Nivea senken   
   wollte und senken würde, wie es bei der Benutzung von Fahrbahnen   
   gegeben ist, wenn man dort und nach deren geschriebenen und   
   ungeschriebenen Regeln fährt.   
      
   Fazit: Die Schonräume werden als ungefährlich empfunden, weil   
   zwei Illusionen zusammenkommen, die beide im dem Begriff   
   Schonraum zum Ausdruck kommen,   
      
   a) der Fahrbahngebrauch per Fahrrad sei außerordentlich   
   gefährlich _und_   
      
   b) das Ausweichen auf Sonderwege, Gehwege, Trampelpfade usw. sei   
   in Relation dazu ungefährlich.   
      
   Inwieweit die Risiken des Ausweiches auf faktisch minderwertige   
   Rand- und Umwege auch aufgrund einer Risikokompensation steigen,   
   die anders als in dem einschlägigen Beispiel "Munich taxi-cap   
   experiment" auf einer nur gefühlten statt einer objektiven   
   Verbesserung basieren (dort war es die Einführung von ABS), wäre   
   eine untersuchenswerte Hypothese.   
      
      
   >Verkehrsbeobachtungen, richtig aufwendige mit Kameras, ohne und mit   
   >künstlichen Veränderungen und allem Pipapo, zeigen, das jedenfalls Radwege   
   >zu zurückhaltendem Verhalten führen, zu Vorsicht und Rechteverzicht. Dieses   
   >Empfinden, nehme ich an, wird bei Bedarf allerdings rationalisiert (System   
   >2),   
      
   Da würde mich die Quelle interessieren.   
      
   Übrigens schließen sich beide Beobachtungen nicht aus und oft   
   erhöht gefühlte Vorsicht in der Form von Rechteverzicht faktisch   
   die Wahrscheinlichkeit eines gefährlichen Vorfalls - mit der   
   kuriosen Folge, dass beide möglichen Ergebnisse die   
   Rationalisierung bestärken: Dank Vorsicht und/oder Rechteverzicht   
   ist auch diesmal nichts passiert und wenn doch, war "der Verkehr"   
   doch gefährlicher als bereits empfunden und die eigene Vorsicht   
   nicht groß genug.  Also entweder noch häufiger unmotiviert (für   
   Dritte) anhalten oder zusätzlich noch eine Neonwarnweste kaufen   
   und ein rotes Blinklicht hinten am Helm.   
      
      
   >denn der Radweg ist ja bekanntlich sicher, eben deine erste Hypothese.   
   >Ich vermute einen Mechanismus wie beim Fehlkauf eines nur halbwegs   
   >passenden Produktes oder auch Dienstleistung, den man anderen gegenüber   
   >verteidigt, obwohl besseres erreichbar (und bekannt) gewesen ist.   
      
   Das passt schon deswegen nicht gut, weil der Gebrauch von Sonder-   
   und sonstigen Umwegen ein vielfach wiederholter und (meist)   
   jedesmal freiwilliger Akt mit Wahlfreiheit ist, während die   
   meisten Käufe als solche nach kurzer Zeit nicht verlustfrei   
   reversibel sind.   Das erworbene Auto oder Fahrrad kann man kaum   
   ohne erhebliche Verluste wieder verkaufen, auch bei Mietverträgen   
   wird sich der Mieter spätestens nach Umzug und Einbau einer Küche   
   einen Wechsel reiflich überlegen müssen.   
      
   Tatsächlich dürfte die "Selbsterfüllende Prophezeiung"   
      
   ein besseres Vorbild für ein Modell der Mechanismen sein, die zu   
   dem Phänomen Radweg geführt haben,  als die Annahme, dass die   
   meisten Leute einfach nur zu dumm seien, ein wiederholten   
   ungünstiges Verhalten aufzugeben, obwohl das das fast immer ohne   
   große Probleme möglich wäre.   
      
      
   Es wäre m.E. trotzdem eine interessante und untersuchenswerte   
   Fragestellung, welches die objektivierbaren sachlichen Zwänge   
   sind, die einen großen Teil der radfahrenden Bevölkerung an die   
   Radwege bindet.   
      
   Neben dem Umstand, dass man die versierte Nutzung von Straßen mit   
   dem Fahrrad erst erlernen muss (es erfordert mehr Können als die   
   Nutzung eines Pkw), wird man auch berücksichtigen müssen, dass   
   sich zumindest die Geläufigkeit auch wieder verliert, wenn man   
   die erlernten Fertigkeiten nicht nutzt.   
      
   Wir haben in den vergangenen hundert Jahren in Deutschland und   
   großen Teilen von Europa sehr davon profitiert, dass quasi jedes   
   Kind das Straßenfahren mit dem Rad bereits in einem Alter erlernt   
   hat, in dem Kinder noch sehr aufnahmefähig sind.  Davon ist   
   leider auch hierzulande schon viel verloren gegangen.   
   Gleichzeitig trainieren Radwege Verhaltensweisen, die im   
   richtigen Verkehr überflüssig und zum Teil abträglich sind.   
      
   Aber es gibt auch materielle Gründe, wie etwa der Umstieg von für   
   den Fahrbahngebrauch gut geeigneten Fahrrädern auf solche, die in   
      
   [continued in next message]   
      
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    * Origin: you cannot sedate... all the things you hate (1:229/2)   

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