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   de.rec.fahrrad      More than just Kraftwerks Tour De France      6,175 messages   

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   Message 5,640 of 6,175   
   Wolfgang Strobl to All   
   Re: Helden (?) (1/2)   
   29 Dec 25 15:54:14   
   
   From: news51@mystrobl.de   
      
   Am Sat, 27 Dec 2025 12:04:09 +0100 schrieb Ralf Stein-Cadenbach   
   :   
      
   >Am 26.12.2025 um 23:23 schrieb Arno Welzel:   
   >> Ralf Stein-Cadenbach, 2025-12-26 18:02:   
   >   
   >??? Was haast Du da nicht richtig verstanden?   
   >   
   >Gunnar Fehlau argumentiert mit Technischen Fortschritt, indem er der   
   >Kritik an Pedelec gleichsetzt mit offensichtlich irrationalen Verhalten.   
      
   Er argumentiert insbesondere wie ein Bauernfänger, womit ich   
   nicht ausschließen will, dass er glaubt, was er erzählt.   
      
   Das Problem ist, dass er zweischneidige technische Möglichkeiten   
   als Fortschritt verabsolutiert, auf diese Weise Kritik an   
   spezifischen Fehlentwicklungen abtut und so verhindern möchte,   
   dass nach alternativen Varianten oder besserer Nutzung dieses   
   Fortschritts (hier: Motorisierung) überhaupt gefragt oder darüber   
   gesprochen wird.  Die Masche ist so alt und lächerlich wie der   
   technische Fortschritt und sie stinkt genau so, wie man   
   angesichts ihres Alters erwarten kann.   
      
      
   >Diese Art der Argumentation/Polemik findet sich auf anderen Ebenen   
   >wieder - Sichwort: Maschinenstürmer. Grundtenor: der Fortschritt kann   
   >nicht verhindert werden und führt zum guten und menschengerechten.   
      
   Tatsächlich war der Begriff Maschinenstürmer ein polemischer   
   Kampfbegriff, welcher den damaligen Aufständischen eine   
   grundsätzliche Technikfeindlichkeit unterstellte, die gar nicht   
   das Motiv war. Die Zerstörung von Maschinen war ein Druckmittel,   
   um sich gegen die Verschlechterung des sozialen Status zu wehren.   
   >   
   >Natürlich müssen Waschmaschine, Atomkraft, Pedelec, Laubbläser,   
   >Smartphone usw. äußerst unterschiedlich bewertet werden.   
      
   Stichwort Auto und Waschmaschine. Man sollte nicht unterschätzen,   
   wie in der Zeit der Massenmotorisierung das eigene Auto als   
   Befreiung empfunden wurde, wenn es galt, dem eigenen, als   
   einengend empfundene Familienumfeld zu entfliehen. Das hatte für   
   junge Frauen einen höheren Stellenwert als für junge Männer, das   
   weibliche Rollenmodell war strikter und das Auto ein Ausweg.   
      
   Aber auch die Waschmaschine hatte seinerzeit vornehmlich für   
   Frauen eine regelrecht befreiende Rolle, lange vor der   
   Spülmaschine.  Kann man deswegen Waschmaschine und Auto,   
   Geschirrspülmaschine und Pedelec gleichsetzen?   
      
   Mitnichten. Waschmaschinen und Geschirrspülmaschinen haben   
   praktisch nur Vorteile. Eine Rückkehr zum Waschen und Spülen von   
   Hand im Spülbecken oder Waschtrog hätte keine wesentlichen   
   Vorteile, es würde lediglich mehr Zeit, mehr Energie, mehr   
   Waschmittel, mehr Wasser und damit letztlich auch mehr Geld   
   kosten.   
      
   Bei der Gegenüberstellung von motorisierten und unmotorisierten   
   Individualverkehrsmitteln ist es nicht so simpel.   
      
   >Wenn das eine   
   >oder andere sehr gut oder nicht gut ankommt, sagt überhaupt nichts aus.   
      
   Die im zitierten "Experteninterview"  als erste Antwort auf die   
   Frage  "Welche Bevölkerungsgruppen könnten sich für das Pedelec   
   interessieren und warum?" zitierten Sprüche sind einerseits viel   
   plumper, andererseits aber auch subtiler. Er ingoriert die Frage,   
   und nutzt das Interview ohne große Umwege als Aufhänger für die   
   Vermarktung eines Produktes und für eine verkehrspolitische   
   Kampagne, die den Weg dafür bereitet. Kritiker diffamieren und   
   der angepeilten Kundschaft Honig ums Maul schmieren funktioniert   
   immer.   
      
   "Darauf kann ich nur provokant antworten: Was ist die Zielgruppe   
   der Waschmaschine und der Spülmaschine? Die Diskussion um   
   Pedelecs wird zu dogmatisch und marketingorientiert geführt. Ich   
   brauche keine Rechtfertigung, Pedelec zu fahren. So lange es Spaß   
   macht, ist es gut." wird Fehlau zitiert.   
      
   In diesen "provokanten" Pseudofragen und Sprüchen kann man   
   "Pedelec" problemlos auch durch Auto, Motorrad, Sportflugzeug,   
   Pistole, oder irgend eine abhängig machende Droge ersetzen. "So   
   lange es  Spaß macht, ist es gut".   
      
   Als Zurückweisung der Kritik am Pedelec ist das regelrecht   
   erbärmlich. Es ist sehr weit hergeholt, die spezifische Kritik am   
   Pedelec als Fahrradersatz in eine generelle Kritik an der   
   Mechanisierung und Motorisierung einer lästigen, zeitraubenden   
   und ungeliebten Tätigkeit umzudeuten. Aber es geht ja nur darum,   
   diejenigen einzuseifen, die vor der Entscheidung "Fahrrad oder   
   vielleicht doch Pedelec?" stehen. Denen geht das runter wie Öl,   
   das ist simple Werbepsychologie. "Ich rauche gern!", gez.   
   Reemtsma, ist da wohl das bekannteste Beispiel.   
      
   Wie sieht es in der Realität aus?   
      
   Radfahren mag für viele Menschen eine beschwerliche, lästige, und   
   zeitraubende Tätigkeit gewesen sein.  Jedoch war selbst in den   
   Anfangszeiten das Fahrrad schon schneller, bequemer und weniger   
   kraftzehrend als eine Strecke zu Fuß zurückzulegen. Wenn in   
   Notzeiten Mangel an Nahrungsmitteln und damit Kalorien drohte,   
   stand auch Kraftstoff nicht gerade überreichlich zur Verfügung.   
      
   Heutzutage droht den Menschen dort, wo Fehlau herumfährt, um   
   Pedelec zu vermarkten, überwiegend nicht der Hunger, sondern   
   Fettleibigkeit und Herzinsuffizienz als Folge von   
   Bewegungsmangel, einem Defizit, zu dem der Ersatz von   
   unmotorisierten Fahrrädern durch kräftig motorisierte Pedelec   
   durchaus ihren Beitrag leistet.   
      
   Worum geht es also?   
      
   Zusammengefasst, es geht nicht gegen die Motorisierung generell,   
   sondern um Kritik an einer pessimalen Motorisierung ohne Sinn und   
   Verstand.  Es hätte durchaus Ansätze für die Motorisierung von   
   Fahrrädern gegeben, welche Menschen auf dem Fahrrad in relevantem   
   Umfang leistungsfähiger macht, was Reichweite und Fahrtempo   
   angeht*).  Und es gäbe Ansätze, Menschen das Radfahren   
   schmackhafter zu machen, statt ihnen Pedelec anzudrehen.   
      
   Das Pedelec ist so ziemlich das Gegenteil solcher Ansätze, es   
   eliminiert die meisten Vorzüge des unmotorisierten Fahrrades,   
   ohne in der meistverkauften Variante merkliche Vorteil zu einem   
   unmotorisierten Fahrrad zu haben.   
      
   Weder wird mit Pedelec das mögliche Fahrtempo im Vergleich zum   
   Fahrrad erhöht, noch die mögliche Reichweite.  Es werden mit   
   unmotorisierten Fahrrädern auch sehr große Distanzen gefahren,   
   mit einem durchschnittlichen Tempo, das deutlich oberhalb dessen   
   liegt, was mit Pedelec möglich ist.  Nicht von allen, aber fast   
   jeder, der es will, kann es auch. Viele tun es, auf die eine oder   
   andere Weise und gewinnen dabei, an Leistungsfähigkeit oder an   
   Ausdauer, oder besser noch, an beiden Eigenschaften.   
      
   Und das ist das, was das Pedelec tatsächlich vom Fahrrad   
   unterscheidet: es reduziert auf Dauer die Person, die vom Fahrrad   
   auf das Pedelec umsteigt, auf die Bedienung einer   
   Motorelektronik.   
      
   Die negativen Effekte, die das hat bzw. haben wird, hätte ein   
   intelligenter Mensch mit einem gewissen Weitblick bereits 2011   
   schon abschätzen können. Wer gar nicht erst lernt, Fahrrad zu   
   fahren und dabei den eigenen Körper und dessen Leistungfähigkeit   
   zu steigern, sondern stattdessen nur noch die geschickte   
      
   [continued in next message]   
      
   --- SoupGate-Win32 v1.05   
    * Origin: you cannot sedate... all the things you hate (1:229/2)   

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