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   de.rec.fahrrad      More than just Kraftwerks Tour De France      6,175 messages   

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   Message 6,092 of 6,175   
   Anton Ertl to Wolfgang Strobl   
   Re: Muenster (Was: Fahrradfreundlichkeit   
   16 Feb 26 17:51:50   
   
   From: anton@mips.complang.tuwien.ac.at   
      
   Wolfgang Strobl  writes:   
   >Am Sun, 15 Feb 2026 17:04:20 +0100 schrieb "Chr. Maercker"   
   >:   
   >   
   >>Wolfgang Strobl wrote:   
   >>> Holland hat in Europa gemessen an der Fläche die meisten   
   >>> Autobahnen, wenn ich mich recht erinnere, und die größte Dichte   
   >>> an Autobahnausfahrten auf diesem Autobahnnetz.   
   >>   
   >>Was sich zum gut Teil durch die hohe Bevölkerungsdichte der Niederlande   
   >>erklärt.   
   >   
   >Wie das? I.A. dienen eine niedrige Bevölkerungsdichte und lange   
   >Wege als Rechtfertigung für exzessiven Autogebrauch.   
      
   Es ist immer die Frage, wie dicht die Staedte besiedelt sind: Bei   
   geringer Bevoelkerungsdichte dort ist genug Platz fuer's Auto: Fuer's   
   Parken und fuer's Fahren, und wenn das nicht reicht, um Reservate zu   
   bauen, in die man Radfahrer und Fussgaenger wegdraengen kann.  Das ist   
   in den Niederlanden ueberall der Fall, zumindest habe ich auch im   
   Zentrum von Amsterdam nichts gesehen, was ausschaut wie Paris oder   
   Wien.   
      
   Eigentlich reicht es, genug Platz fuer Autos zu haben, um zu einem   
   hohen Autoverkehrsanteil zu kommen, weil das Auto von genug Leuten   
   gewaehlt wird, wenn die Strecke mit dem Auto gefahren werden kann.   
      
   Zusaetzlich ergibt sich der Effekt, dass die Bevoelkerungsdichte dann   
   zu niedrig ist, um eine Infrastruktur fuer Nicht-Autofahrer   
   aufrechtzuerhalten: Supermaerkte ohne Parkplatz haben zuwenig Publikum   
   und sterben aus und werden durch Supermaerkte mit Parkplatz   
   verdraengt.  Oeffentlicher Verkehr hat bei seinen Haltestellen zuwenig   
   Bevoelkerung im Einzugsbereich, sodass die Linien wenig genutzt   
   werden, der Fahrplan wird dann ausgeduennt und die Linien letztendlich   
   eingestellt.   
      
   Ich denke auch, dass der relativ hohe Radverkehrsanteil in vielen   
   niederlaendischen Staedten auf die niedrige Bevoelkerungsdichte   
   zurueckzufuehren ist: die Bevoelkerungsdichte ist zu niedrig, um viele   
   Ziele zu Fuss zu erreichen, und oeffentlicher Verkehr zahlt sich nicht   
   aus, siehe oben, also hat sich das Fahrrad als Alternative fuer die   
   Leute etabliert, die sich noch kein Auto fuer jedes Familienmitglied   
   leisten koennen; und vielleicht koennen sie es jetzt, aber es gibt   
   jetzt eine Tradition des Radfahrens in den Niederlanden.  Aber mit   
   einer Bewegung weg vom Auto hin zum Fahrrad hat das ganz und gar   
   nichts zu tun.   
      
   Als Beispiel fuer den autofoerderlichen Effekt einer niedrigen   
   Bevoelkerungsdichte einer Stadt kann man Austin und seine Umgebung   
   nennen, wo im eigentlichen Gemeindegebiet 1161 EW/km^2 und in der   
   urbanen Umgebung 1128EW/km^2 wohnen, und wo 2019 83% MIV-Anteil ist.   
      
   Im Vergleich dazu hat das Gemeindegebiet von Paris 19430EW/km^2 und 9%   
   MIV-Anteil (lange vor Anne Hidalgo und ihren Aenderungen); Paris   
   leidet allerdings an Autoverkehr aus der Banlieue, die weniger dicht   
   besiedelt ist (3875EW/km^2 in der Urbanen Umgebung im Jahr 2022) und   
   daher mehr Autoverkehr hat (dafuer habe ich aber keine Zahlen).   
      
   Und wie ist das jetzt mit der Bevoelkerungsdichte eines Landes?  Die   
   spielt bei solchen Entscheidungen kaum eine Rolle, weil die meisten   
   Wege innerhalb der Stadt bewaeltigt werden; und selbst wenn einmal ein   
   Weg ausserhalb der Stadt gemacht wird, wird jemand, der von einer   
   Stadt mit wenig Platz fuer's Auto in eine Stadt mit wenig Platz fuer's   
   Auto faehrt, diesen Weg leicht mit oeffentlichen Verkehrsmitteln   
   bewaeltigen koennen.  Teilweise sogar, wenn nur eine solche Stadt   
   dabei ist: Ich hatte letztes Jahr ein befreundetes Paar aus Hessen zu   
   Besuch in Wien, die wollten zuerst mit dem Auto fahren, dann habe ich   
   ihnen von der Parkraumbewirtschaftung in Wien erzaehlt, und sie haben   
   sich fuer das Flugzeug entschieden.   
      
   Hier stimme ich ausnahmsweise Chr. Maercker zu, genauer: Da die   
   Niederlande in ihrem Staedten genug Platz fuer Autos haben, haben sie   
   viele Autos.  Und da sie landesweit eine relativ hohe   
   Bevoelkerungsdichte und damit Autodichte haben, haben sie auch viele   
   Autobahnen und viele Autobahnausfahrten.  Wenn man einmal ein Auto   
   verwendet, und noch dazu auf einer Autobahn, dann faehrt man auch   
   entsprechend weit, egal ob das Land eine hohe Bevoelkerungsdichte hat   
   oder nicht.  Es gibt ja Untersuchungen dazu, dass die Wege im   
   Durchschnitt eine gewisse Zeit brauchen, auch wenn man die   
   Durchschnittsgeschwindigkeit erhoeht oder erniedrigt; man passt sein   
   Verhalten entsprechend an.   
      
   - anton   
   --   
   de.rec.fahrrad FAQ: http://0x1a.de/rec/fahrrad/   
   Radfahrer sollten vor oder hinter fahrenden Kfz fahren und nicht daneben.   
   Ist der Radverkehr erst separiert, diskriminiert man ihn voellig ungeniert.   
      
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