From: ra@h5.or.at   
      
   Frank Gosebruch wrote:   
   > Aber Fakt ist nun mal: alle Welt fotografiert inzwischen - massenhaft   
   > und unbeschwert.   
      
   Ja, das ist so, und das ist eine Veränderung die in unseren Lebenzeiten,   
   in den letzten 30 Jahren passiert ist. Wenn man Pierre Bourdieus "Eine   
   illegitimie Kunst" liest, der die fotografische Praxis (der Knipser,   
   Amateure, Profis) der 1960er- oder frühen 1970er Jahre beschreibt, so   
   trfft vieles was er für damals beschreibt heute nicht mehr zu, ist oft   
   ins Gegenteil verkehrt.   
      
   > Oft zwar nur noch mit dem Telefon, aber dafuer in einer nie dagewesenen   
   > Menge an Bildern. Und das mit sensationellen technischen Moeglichkeiten,   
   > vollkommen automatisch, ohne jegliche notwendige Vorkenntnisse und   
   > haeufig voellig umsonst. Technisch oft sogar in Top Qualitaet.   
      
   Technisch auf jeden Fall auch mit dem Telefon in einer besseren Qualtität   
   (wann man alle Aspekte betrachtet) als "früher" den meisten Leuten, wenn   
   sie nicht gerade wirklich ambitionierte Amateure oder Profis waren, zur   
   Verfügung gestanden hat.   
      
   Und gestalterisch vermutlich auch. Gerade dadurch, dass wir heute alle   
   mehr Übung beim Fotografieren haben, werden Leute mit Gefühl für   
   Gestaltung sehr viel schneller besser, weil die Feedbackschleife kürzer   
   ist. Viele Selfie-machende 14-jährige heute haben schon mehr fotografiert   
   als ganze Fotoclubs der 1970er-Jahre.   
      
   > Kann man aber andererseits die Fotografie dann heute ueberhaupt noch   
   > serioes als ein ernsthaftes - womoeglich sogar elitaeres(?) - "Hobby"   
   > bezeichnen, wenn doch inzwischen sogar jedes kleine Kind erfolgreich   
   > fotografiert?   
      
   Ja sicher. Auch Hobbys, die viele haben (Lesen, Radfahren sind oder   
   waren so Klischees wenn man danach fragt) bleiben IMHO Hobbys.   
      
   Oder: Vermutlich kochen 70-90% der Leute regelmäßig was, nicht immer   
   gerne, trotzdem ist Kochen für viele ein Hobby. Ein Hobby das oft mit   
   hohem zeitlichen und finanziellen Aufwand (Kochkurse, Kupferpfannen,   
   Küchengeräte, exklusive Zutaten) betrieben wird.   
      
   > Die nach wie vor parallel angebotenen "richtigen" Kameras und die   
   > Technik und Optiken dafuer werden ja auch immer leistungsfaehiger.   
   > Gut, sie erfordern (laut Werbung) in der Praxis dann allerdings   
   > ebenfalls oft kaum noch echte Skills oder muehsam individuell zu   
   > erlernende essentielle Grundlagen fuer technische Zusammenhaenge und   
   > werden obendrein immer billiger.   
      
   Also das sehe ich nicht so. Man braucht schon einiges an Wissen um   
   z.B. überhaupt zu wissen welches Objektiv an einer Systemkamera   
   was macht. Sag einem Menschen der keine Ahnung von Fototechnik   
   hat, dass er ein 24mm f/1.8 oder ein 70-200mm f/2.8 für eine bestimmte   
   Aufgabe verwenden kann, und er wird nicht wissen was das ist, warum   
   er das eine oder das andere wollen sollte, was die Zahlen bedeuten,   
   was eine Brennweite oder Blende ist, etc.   
      
   Und das unabhängig davon ob derjenige mit dem Handy eventuell bessere   
   Fotos macht als wir beide (halt innerhalb eines gewissen technsichen   
   Rahmens, keine Astrofotografie oder Bilder von fliegenden Seeadlern).   
      
   Ich denke heute ist mit dem Kauf einer Kamera (und nicht bloß der   
   Nutzung des Telefons) im Normalfall der Schritt zur Fotografie als   
   Hobby überschritten. Und das passiert auch im Normalfall erst nachdem   
   ein bißchen auch technisches Wissen erworben worden ist (oder der   
   Erwerb von technischem Wissen gewünscht wird).   
      
   > Und wenn ich erst an die zahllosen und komfortablen Moeglichkeiten   
   > denke, diese Bilder anschliessend zu bearbeiten oder zu verfremden und   
   > die Ergebnisse dann auch noch ohne Aufwand oder zusaetzliche Kosten -   
   > und ohne real existierende Ausdrucke! - einem breiten Publikum weltweit   
   > zu praesentieren...   
   > Unglaublich!   
      
   Ja, ist so. Gleichzeitig die Frage wer sich das anschauen soll, wen   
   das ganze interessiert, wenn man nicht gerade zu den allerbesten   
   Fotografen gehört, oder sehr gut darin ist einzuschätzen womit man in   
   sozialen Medien Eindruck schinden kann.   
      
   > ...aber damit eben auch nichts wirklich besonderes mehr und auch keine   
   > herausfordernde Beschaeftigung, mit der man sich vom allgemeinen Umfeld   
   > irgendwie herausragend abheben koennte.   
   > Auch erstmal nicht schlimm.   
      
   Exakt, sehe ich auch genau so.   
      
   > Gerade aber *WEGEN* dieser so enorm breiten und kinderleichten Nutzung   
   > und der unbegrenzten Moeglichkeiten muesste doch eigentlich jetzt eine   
   > Vielzahl interessanter neuer Themen und Fragen zum Thema rund um die   
   > Fotografie auftauchen und umfangreich gesellschaftlich diskutiert werden.   
      
   Wird es auch, IMHO. Nur halt nicht mehr hier.   
      
   Die größte Frage zur Fotografie im Moment ist IMHO die der Fotografie   
   nach dem Entstehen der bildgenerierenden AI: Was verändert sie an   
   der Autorschaft, was an der Wahrnehmung von Authentizität der   
   Fotografie, was an der Fotografischen Praxis? Welche Gegenbewegungen,   
   welche technischen Maßnahmen wird sie auslösen?   
      
   > Dabei faellt mir aber im Gegenzug auf, dass gerade hier bei d.r.f.   
   > inzwischen immer weniger Themen oder Bilderlinks gepostet werden.   
   > Vor zehn Jahren gab es z.B. oft noch 60 Postings und mehr - pro Tag!   
   > Inzwischen sind es oft nicht einmal mehr 60 pro Monat.   
      
   Das Usenet ist am absteigenden Ast. Ich war während Covid mal für 1-2   
   Jahre weg (weil in einzelnen Newsgroups viele Poster damals in eine sehr   
   unanagenehme Richtung umgeschlagen sind, ich weiß auch nicht mehr, auch   
   wenn es nicht zum Gruppenthema gepaßt hat irgendwas in diese   
   Klimaleugner-Nazi/Rassisten-Covid"skeptiker"/AFD-Ecke). Und wie ich   
   zurückgekommen bin war de.rec.fotografie nur mehr ein Schatten ihrer   
   selbst. Ich denke die starke politische Polarisierung die auch andere   
   Teile der Gesellschaft erfaßt hat, war auch hier im Usenet eine   
   destruktive Kraft.   
      
   Wobei einfach auch vorher vieles an Diskussionen technische Diskussionen   
   waren, und die wegefallen, wenn vermutlich auch Regulars immer mehr mit   
   dem Handy fotografieren, bzw. schlicht nicht mehr so viel Gerätschaften   
   kaufen, weil sie schon alles zuhause haben was sie brauchen. Wir werden   
   alle älter, vermutlich werden manche langsam eher Ausrüstung reduzieren   
   als erweitern.   
      
   > Im Ergebnis wagt es nun aber auch kaum noch jemand, ueberhaupt ein neues   
   > Thema zu starten - kommt ja eh' nur selten was oder gar nix mehr zurueck.   
   > Eine angenehme seltene Ausnahme ist vielleicht noch Jochen mit seinen   
   > allein 25 der insgesamt aber trotzdem lediglich ca. 30 neuen Themen im   
   > Januar diesen Jahres!   
      
   Du hast das ja getan ;)   
      
   Ich hab die Gruppe innerlich irgendwie abgeschrieben, ich hab irgendwie   
   nicht das Gefühl, dass da im Moment recht viele Inhaltliche Diskussionen   
      
   [continued in next message]   
      
   --- SoupGate-Win32 v1.05   
    * Origin: you cannot sedate... all the things you hate (1:229/2)   
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